Diese Frage – Wer bin ich? Warum bin ich hier? – hat mich so tief in die Depression gezogen, dass ich kaum einen Sinn mehr sah und alles wie ein hoffnungsloses Nichts erschien. Diese Frage hat mich fast umgebracht.
Nicht metaphorisch. Nicht „oh, es war so schwer“. Nein. Ich wusste die Antwort nicht, und ich dachte, ich MUSS das doch wissen – wie sonst könne ich ein erfülltes Leben leben?! Alle anderen wissen das doch auch, oder? (Hahaaaaa, Nein. Die wenigsten wissen das. Ich behaupte sogar: Fast KEINER weiß das wirklich. Aber das habe ich damals nicht gewusst.)
Ich war froh, dass mein Therapeut – Grüße gehen raus an Herrn S., danke! – mich da so gut aufgefangen (und ausgehalten) hat. Wir haben viel über existenzielle Psychologie gesprochen. Es gibt ganze Bücher darüber. Ganze Denkschulen. Menschen, die sich genauso den Kopf darüber gemacht haben wie du und ich. Das hat mich irgendwie beruhigt. Aber die Antwort fand ich darin trotzdem nicht.
Wenn du nicht weißt, wer du bist – ADHS, Identität und Zusammenbruch
Dieser Artikel gibt dir keine Antwort. (Sorry. Falls du die erwartet hast: Schließ das Tab. Spar dir die Zeit.) Dieser Artikel zeigt nur meine Sicht auf die Frage und wie ich gelernt habe, damit zu leben – oder besser: wie ich gelernt habe, die Frage loszulassen, ohne sie beantwortet zu haben.
Als Mensch mit AuDHS (Autismus und ADHS) kenne ich diese quälende, alles verzehrende Suche nach dem Kern unter all den Masken, die wir täglich tragen. Und ich kenne das Gefühl, dass unter all den Kostümen, die ich anziehe, vielleicht gar nichts ist. Nur eine leere Schneiderpuppe. Oder noch schlimmer: vielleicht gibt es die Puppe gar nicht, und ich bin nur eine Ansammlung von Masken, die sich gegenseitig festhalten.
Es gibt Menschen, die sind damit im Frieden. Und es gibt Menschen, die werden darüber krank. Ich war in der zweiten Kategorie. Lange.

Wer bin ich? Warum diese Frage dich auffressen kann
Stell dir vor, du trägst ein Kostüm. Ein schweres, enges, kratzendes Ding. Es erfüllt seinen Zweck: In der Öffentlichkeit siehst du damit aus wie alle anderen. Du passt rein. Du bist sicher. Aber du kannst nicht frei atmen. Und du kannst es nie ausziehen. Nie. Nicht einmal, wenn du alleine bist. Weil du vergessen hast, wie sich deine Haut darunter anfühlt. Weil du nicht mehr weißt, ob da überhaupt noch Haut ist.
Das ist die Beschreibung für “Masking”. Und gerade bei Menschen mit ADHS und Autismus ist diese Frage – Wer bin ich wirklich? – so verdammt präsent. (Zumindest gefühlt. Anekdotische Evidenz. Aber ich wette, du nickst gerade.)
Es wird uns irgendwann bewusst, dass wir den ganzen Tag nur Masken tragen. Wir legen eine Maske ab, um die andere aufzusetzen. Für die Arbeit eine. Für die Familie eine. Für Freunde eine. Für uns selbst? (Welche Maske tragen wir da eigentlich? Oder ist das dann endlich keine mehr? Aber woher soll ich das wissen?)
Es werden ganze Bücher darüber geschrieben: Masking bei Autismus. Masking bei ADHS. Und dann versuchen wir zu „entmaskieren“. Immer weiter zu graben. Wie Archäologen auf einer verzweifelten Suche nach der Modellpuppe unter all den Kostümen.
Was ist denn nun der Kern? Was ist des fucking Pudels Kern? Und warum zum Teufel finde ich ihn nicht?
Was bedeutet „Wer bin ich?“ bei ADHS und Co.?
Die Frage „Wer bin ich?“ ist bei ADHS und Autismus oft nicht nur philosophisch, sie kann zur tiefen Identitätskrise führen.
Viele neurodivergente Menschen maskieren sich täglich, um in der Gesellschaft zu funktionieren.
Dabei verlieren sie das Gefühl für ihr authentisches Selbst.
Das kann zu Erschöpfung, Depressionen und einem Gefühl innerer Leere führen.
Die Antwort auf die Frage ist selten klar, aber der Umgang damit kann heilsam sein.
Wenn du dich oft fragst, ob du jemand bist oder nur so tust, als wärst du jemand: Du bist nicht allein.
Frag dich gerne: Was fühlt sich gerade echt an – und was nicht?
ADHS & Masking: Warum das Versteckspiel dich krank machen kann
Masking – auch als Camouflaging bezeichnet – ist nicht einfach nur „sich verstellen“. Es ist keine bewusste Entscheidung, die du jeden Morgen triffst. (Okay, manchmal schon. Aber oft ist es so tief verankert, dass du es gar nicht mehr merkst.) Es ist eine Überlebensstrategie, die dein Gehirn entwickelt hat, um dich vor Ablehnung, Verurteilung, Ausgrenzung zu schützen.

Folgende Metapher habe ich mal gelesen: Masking ist die „Artillerie, die Soldaten, die Schilde und die Munition“ deines Gehirns. Alles steht bereit, um dich zu schützen. Aber der Krieg hört nie auf. Und irgendwann bist du so erschöpft, dass du nicht mehr weißt, wofür du eigentlich kämpfst.
Bei Autismus kann Masking sich so äußern:
- Du erzwingst Augenkontakt, auch wenn es sich anfühlt, als würde jemand mit einer Taschenlampe direkt in dein Gehirn leuchten
- Du unterdrückst Stims (das Zappeln, das Schaukeln, das Klicken), also genau die Dinge, die dir helfen würden, dich zu regulieren
- Du lernst soziale Skripte auswendig wie Vokabeln in einer Fremdsprache (weil es sich tatsächlich so anfühlt)
- Du täuschst Emotionen vor. Du lächelst, wenn du nicht glücklich bist. Du nickst, wenn du nichts verstanden hast.
Bei ADHS ist es bisweilen anders, aber nicht weniger brutal:
- Du zwingst dich, stillzusitzen, obwohl dein Körper schreit, dass er sich bewegen muss
- Du täuschst Aufmerksamkeit vor, während dein Gehirn gerade drei parallele Gedankenstränge verfolgt (und keiner davon hat mit dem Gespräch zu tun)
- Du bereitest dich übermäßig vor, planst jede Kleinigkeit, schreibst Listen über Listen, nur um nicht chaotisch oder inkompetent zu wirken
- Du entschuldigst dich. Ständig. Für alles. (Sorry. Sorry. Sorry. Auch wenn du nichts falsch gemacht hast.)
Und dann kommt das, was die Wissenschaft Identity Fatigue nennt: Identitätsermüdung. Die Grenze zwischen der authentischen Person und der sozialen Persona verschwimmt. Du vergisst, wer du ohne das Kostüm bist. Oder schlimmer: Du glaubst, dass DU das Kostüm bist. Und dass darunter nichts ist.
Die Folgen: Burnout. Angstzustände. Depressionen. Suizidgedanken. (Ja, wirklich. Die Studien sind eindeutig. Chronisches Masking tötet.)
Und dann, wenn du schon am Boden liegst, erschöpft, ausgelaugt, leer, dann kommt diese Frage wie ein Messer: Wer bin ich denn nun wirklich unter all diesen Masken?

„Wer bin ich?“ – braucht es überhaupt eine Antwort?
Ich hatte immer dieses Bild im Kopf: Mein Leben ist ein Puzzle. Ein riesiges, kompliziertes Puzzle. Und ich sitze da mit einem Haufen Teile und versuche verzweifelt, es zusammenzusetzen. Aber es fehlt immer ein Stück. Immer. Ich weiß ja nicht mal, wie das verdammte Bild aussehen soll.
Ein Puzzle zu puzzeln, ohne die Vorlage zu kennen, ist schon schwierig. Aber was ist hiermit: Vielleicht habe ich die Teile auch einfach falsch zusammengesetzt. Vielleicht ist mein Puzzle gar nicht das klassische Querformat, rechteckig mit geraden Kanten. Vielleicht ist es rundherum geschwungen. Abstrakt. Oder manche Teile gehören da gar nicht rein. (Vielleicht sind sie aus einem ganz anderen Puzzle? Wer weiß…)
Ich weiß noch, wie mein Therapeut sich gefreut hat, als bei mir dieser Groschen fiel, diese Erkenntnis reinkickte – gehe ich von einem falschen Bild aus? Er hat es mir nicht gesagt, er wusste das wahrscheinlich von Anfang an, der Schlingel. Aber er hat gewartet, bis ich selbst draufkomme. Und als ich es ausgesprochen habe, hat er gelächelt. (So ein stilles, wissendes und irgendwie niedliches Lächeln. Ein bisschen nervig, ehrlich gesagt. Aber auch tröstlich.)
Vielleicht bleiben immer ein paar Lücken. Aber ich habe auch noch ein paar Jahre zu leben, Gott sei Dank. Die Sicht auf mich selbst kann sich verändern. Auch wer ich bin – sowohl für mich als auch für andere.
Und vielleicht (vielleeeeeeeicht) ist die Idee, dass ich ein fertiges, abgeschlossenes Puzzle sein muss, sowieso Quatsch.
Ich bin! – Warum dein Gefühl reicht
Ich bin über die Lektüre von Eckhart Tolle in Frieden gekommen mit dieser Frage. Oder zumindest in so etwas wie einen Waffenstillstand. Denn Tolle sagt (und ich paraphrasiere hier sehr frei): Die Frage „Wer bin ich?“ kann nicht beantwortet werden. Jede Antwort ist eine neue Identifikation mit Form – und Form ist vergänglich.
Oder in kurz: Ist alles ausgedachter Quatsch. Worte können deine Essenz nie erfassen.
Das hat mich umgehauen. (In einem guten Sinne. Und einem schmerzhaften.)
Es reicht zu WISSEN: Ich bin. Punkt. Ende. Kein „Ich bin eine liebevolle Mutter“ oder „Ich bin eine kreative Person“ oder „Ich bin jemand, der gerne Katzen mag und Samstagmorgens Kaffee trinkt“. (Das sind alles nur Zuschreibungen. Formen. Ausgedachte Konzepte. Vergänglich.)
Dieses Konzept, dass ich es in Worten beschreiben MUSS – idealerweise in ein, zwei Sätzen, wie so ein Elevator Pitch („Hi, ich bin Katarin, ich bin hier, um XYZ zu tun, und mein Lebenszweck ist ABC“) – das ist eine Illusion. Eine sehr verlockende, sehr quälende Illusion.
Ich dachte einfach viel zu lange: Ja, genau! Das muss ich tun! Alle anderen können das doch auch! (Können sie nicht. Oh boy, können sie nicht.)

Wer bin ich – und was sehe ich nicht? ADHS & das Johari-Fenster
Es gibt das sogenannte Johari-Fenster. Es beschreibt, was wir über uns selbst wissen und was nicht und ist ein Erklärungsmodell für bewusste und unbewusste Verhaltens – und Persönlichkeitsmerkmale zwischen einem selbst und anderen:
- Was mir und anderen bewusst ist (z.B. „Ich bin laut“)
- Was anderen bewusst ist, mir aber nicht (z.B. „Du unterbrichst Menschen ständig“ – „Was? Wirklich?“)
- Was mir bewusst ist, anderen aber nicht (z.B. deine innere Gedankenwelt, deine Ängste)
- Was weder dem einen noch dem anderen bewusst ist (Die große Unbekannte. Das schwarze Loch.)

Und rate mal, in welches Feld wir am liebsten irgendwas reinschreiben wollen? Richtig: Feld 4. Die Dinge, die niemandem bewusst sind.
Wir wollen da was reinschreiben, was uns gefällt. Was uns in einem guten Licht dastehen lässt. Was uns erklärt. (Am besten so was wie „Ich bin hier, um die Welt zu retten“ oder „Mein wahrer Kern ist pure Liebe“.) Aber wie sollen wir das denn können, wenn es uns gar nicht bewusst ist? (Das ist die Definition von „nicht bewusst“. Argh.)
Diese existentiellen Fragen stellst du dir übrigens auch nicht, wenn du gerade nicht weißt, wie du deinen Kühlschrank voll kriegen sollst. Nach Maslows Bedürfnispyramide steht das quasi ganz oben: Selbstverwirklichung, Sinnfindung, „Wer bin ich wirklich?“. Das ist ein relativ menschliches Phänomen, aber kein lebensnotwendiges. (Was es nicht weniger real macht. Nur um das klarzustellen.)
Identität, Rollen, Masken bei ADHS & co.: Wenn du nicht mehr weißt, wer du bist
Stell dir vor, du stellst jemanden vor. Wenn ich meine Schwester vorstelle, sage ich: „Das ist Marie, meine Schwester.“ Wenn ich mit anderen über mein Kind rede, ist mein Kind erst mal mein Kind. (Er ist natürlich so viel mehr. Aber im Kontext bin ich seine Mutter, und er ist mein Kind.)
Wenn ich in einem AA-Meeting sitze, sage ich: „Ich bin Katarin. Ich bin Alkoholikerin.“ NATÜRLICH bin ich so viel mehr als das. Aber in diesem Moment, in diesem Raum, ist das das Etikett, das relevant ist.
Wir alle erfüllen gewisse Rollen in unserem Leben. Wir sind Kinder. Wir sind Eltern. Wir sind Enkelkinder, vielleicht Großeltern. Wir sind Freunde, Arbeitnehmer, Steuerzahler. Wir sind lustig, kreativ, chaotisch, strukturiert. Vielleicht Musiker, Künstler, Sportler.
Aber scheinbar reichen all diese Rollen nicht, um die Frage nach dem “Wer bin ich” zu beantworten.

Es ist, als würden wir auf einer Bühne stehen mit hundert Kostümen um uns herum. Und jemand schreit: „Aber wer bist du WIRKLICH?“ Und wir stehen da, nackt (metaphorisch, hoffentlich), und starren auf die Kostüme und denken: „Ich… weiß es nicht? Bin ich vielleicht die Summe all dieser Kostüme? Oder bin ich die Person, die sie anzieht? Und wenn ja – wer zur Hölle ist diese Person?“
Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass in vielen Menschen der Wunsch brennt, in einfachen Worten sagen zu können, wer man ist. (Ein Satz. Maximal drei beschreibende Adjektive. Fertig.) Viele hoffen, dass sie dadurch irgendwie „heil“ oder „ganz“ werden, als wäre es ein Abschlusszertifikat. Dass sie endlich zur Ruhe finden, wenn sie wissen, wer sie sind hinter all den Masken.
Ich glaube: Das funktioniert so nicht. (Zumindest nicht bei mir. Und mein Therapeut hat mir das damals auch gesagt. Aber ich musste es selbst rausfinden, natürlich.)
Wie du Frieden findest, ohne die Antwort zu kennen
Ich glaube, die Frage ist auch angebracht: Warum will ich das überhaupt wissen?
Geht es darum, dass ich für andere etwas sein will? Dass ich mich erklären will? Dass ich ein Etikett haben will, das ich auf Partys raushauen kann? („Hi, ich bin Katarin, ich bin XYZ, und deshalb bin ich hier.“)
Oder geht es darum, wirklich zu verstehen, wer ich bin? Für mich selbst. Nicht für andere.
Und dann: Was passiert, wenn du das nie rausfindest? Was passiert, wenn du nie eine Antwort darauf findest, wer du bist?
(Ernsthafte Frage. Was passiert dann? Implodierst du? Löst du dich in Luft auf? Oder… lebst du einfach weiter?)
Ich denke dann oft an eins meiner liebsten Bilder: Auf meinem Grabstein soll nicht stehen „Sie hat immer brav Überstunden gemacht, und ihre Wohnung war immer geputzt“, sondern: „Es war ein geiler Ritt.“
(Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen pathetisch. Aber fuck it, es hilft.)
ADHS & Selbstbild: Von „Wer bin ich?“ zu „Wie will ich sein?“
Ich glaube, wir können uns zum Teil durchaus raussuchen, wer ich bin, wer ich sein will. Gleichzeitig ist das tatsächlich ein schwieriges und sensibles Thema, weil wir dann schnell bei irgendwelchen Mindset-Gurus landen: „Verhalte dich einfach wie ein Millionär, dann bist du einer!“ (Schwierig. Und auch Quatsch. Aber trotzdem…)
Aber ich kann für mich wirklich sagen: Seit ich mir überlegt habe, wie und wer ich sein will, werde ich es immer mehr.
Ich bin vielleicht noch nicht so gewaltfrei unterwegs, gerade auch in meinen Gedanken, wie ich es manchmal gerne wäre. (Mein innerer Monolog ist… kreativ. Und nicht immer nett.) Aber ich weiß, dass ich ein unheimlich liebevoller, warmherziger Mensch bin. Dass ich loyal bin. Dass ich Menschen zum Lachen bringen kann. Dass ich empathisch bin (manchmal zu sehr).
Ich habe sooooo viele Eigenschaften. Ich will mich gar nicht mehr auf ein „Ich bin“ reduzieren. Gerade als Mensch mit ADHS und Autismus – wir sind so facettenreich, so komplex, so verdammt vielschichtig. Wieso sollte ich mich auf einen Satz reduzieren? Auf drei beschreibende Adjektive? Warum?
(Antwort: Muss ich nicht. Und du auch nicht.)

Wie deine Werte dir zeigen, wer du bist
Ich fand Zugang zu dieser Frage „Wer ich bin“ über meine Werte. Die wandeln sich auch, übrigens. Die sind nicht festgeschrieben. (Und die lasse ich mir bestimmt nicht auf die Stirn tätowieren. Auch wenn das cool aussehen würde.)
Aus meinen Handlungen kann ich meine aktuellen Werte sehr gut ablesen. Wofür gebe ich Zeit aus? Wofür gebe ich Energie aus? Wofür gebe ich Geld aus? Das zeigt mir, was mir wichtig ist. Und wenn ich das anders haben will, wenn ich merke, dass meine Handlungen nicht mit meinen Werten übereinstimmen, dann kann ich mich anders verhalten (naja, es versuchen und trainieren, ne?).
Das gibt mir Kontrolle zurück. (Zumindest ein bisschen. In einer Welt, die sich oft chaotisch und unkontrollierbar anfühlt.)
ADHS & Intuition: Wie du deine wahre Stimme wiederfindest
Was ich auch gelernt habe: Das Hören auf mein Bauchgefühl, auf meine Intuition, die ich ein paar viele Jahre ignoriert habe, weil ich dachte, ich müsste rational sein, logisch, vernünftig. (Was für ein Bullshit.)
Ich sage dazu auch gerne: die Stimme meiner Seele. (Großes Konzept. Angelehnt an Neale Donald Walsch in „Gespräche mit Gott“. Nimm es, wie du willst.)
Die Stimme meiner Seele ist immer da. Aber mit ADHS ist in mir sehr viel sehr laut. Vor allem mein Ego. Vor allem die ganzen Stimmen von früher, die mir sagen, was ich sein soll, wie ich mich verhalten soll, was „richtig“ und “falsch” ist.
Ich muss mich sehr bewusst darauf besinnen, was mir mein Bauch gerade sagt. Das ist verdammt schwer. Wenn mich manchmal jemand fragt „Wie geht’s dir damit?“, kann ich es nicht sofort sagen. Ich brauche dafür Ruhe. Ich brauche dafür Stille. Menschen stören mich bei der Antwortfindung.
Aber je öfter ich darauf höre (oder einfach mal annehme, dass das stimmen mag, was ich da fühle) umso mehr handle ich danach, wie ich glaube, wie ich bin. Wie ich gemeint bin zu sein. Und das lebt sich erstaunlich gut so!
(Such dir Trost in dem, was dir gefällt und mit dir resoniert. Welche Konzeptsuppe du dir auch immer kochen willst, welche Sicht auf die Welt, das Große Ganze du auch immer magst, mach.)
Die Meta-Perspektive – Nichts ist von Bedeutung
Mir hilft es manchmal, einfach mal rauszuzoomen.

Ich bin Mensch. Ich habe einen Impact auf ein paar Menschen in meinem Umfeld. Vielleicht auf ein paar mehr, wenn ich Glück habe.
Aber ich chille auch auf einer riesengroßen Steinkugel, die durchs Universum ballert. Mit unfassbarer Geschwindigkeit. Um eine brennende Gaskugel herum. In einer Galaxie, die eine von Milliarden ist.
Im Gefüge dieses Universums bin ich nichts. Ich bin ein winziger Fleck auf einem winzigen Planeten in einem winzigen Sonnensystem in einer winzigen Ecke von… nichts.
Nichts ist von Bedeutung.
Und wenn ich das denke, merke ich schon, wie sich in meinem Körper was entspannt. Meine Schultern sinken. Mein Atem wird tiefer. Nichts ist von Bedeutung. Dann kann ich auch nichts richtig und nichts falsch machen.
Bei dieser Frage „Wer bin ich?“ geht es ja auch darum: Ich möchte die richtige Antwort geben. (Als gäbe es die. Als gäbe es eine kosmische Checkliste, und ich muss das richtige Kästchen ankreuzen.)
Aber die gibt es vielleicht nicht. Und selbst wenn, sie ist doch fluid, sie ist doch volatil, sie ist doch ständig im Wandel. Wie soll ich mich auf eine Antwort festlegen, wenn ich mich selbst ständig verändere?
(Again: Kann ich nicht. Und muss ich auch nicht.)
Fazit: Die Antwort ist, dass es keine Antwort geben muss
Ich verstehe diese Frage. Ich verstehe, was sie für eine wahnsinnige, alles verzehrende, existenzielle Auswirkung haben kann.
Gerade wenn wir glauben, wir müssten das wissen. Alle anderen wissen das doch auch. (Tun sie nicht. Vertrau mir.)
Aber vielleicht ist das Fazit: Es reicht, einfach zu sein.
Die Antwort auf die Frage, wer ich bin, ist… ein Gefühl. Eine Ahnung.
Nicht, mit Adjektiven um sich zu werfen oder zu sagen „So, jetzt habe ich diese Zuschreibung und jene Zuschreibung, und jetzt ist ja alles klar mit mir.“ (Weil: Ist es nicht. Wird es nie sein.)
Die Differenzierung „Trage ich gerade eine Maske oder bin ich ich selbst?“ ist oft gar nicht so wichtig. Wichtiger ist: Lebe ich nach meinen Werten? Fühlt sich das stimmig an? Hört sich das nach meiner Stimme an, oder nach der von jemand anderem?
Ich bezweifle aus meiner laienhaften Sicht, dass man durch das Beantworten dieser Frage „heil“ wird. Das hat mir auch mein Therapeut damals gesagt. (Und er hatte recht. Natürlich hatte er recht.)
Es gibt Menschen in meinem Umfeld, denen ist das egal, weil die meinen Kern sehen – selbst wenn ich es manchmal nicht sehe. Die sehen mich, wenn ich alle Masken abgelegt habe und nur noch müde und roh dastehe. Und sie bleiben trotzdem.
(Natürlich ist es jetzt auch ziemlich frech zu sagen: „Such dir solche Menschen“, weil die wachsen nicht auf Bäumen. Aber sie existieren. Und sie sind es wert, dass du sie suchst.)
Ich bin ein Mensch mit ADHS und Autismus. Ich bin Mutter, Schwester, Freundin. Ich bin jemand, der Fehler macht und weiterlernt. Ich bin jemand, der facettenreich ist, kontextabhängig, veränderlich, chaotisch, liebevoll, laut, leise, zu viel und zu wenig gleichzeitig.
Und meine Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ ist: Ich bin. Du willst mehr? Such dir was raus.
PS.: Ähnliches gilt für die Frage nach dem Sinn des Lebens. Mögliche Antwort: 42 (if you know, you know ;-))
Oder einfach: leben.
Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine Therapie. Wenn du mit diesen Fragen kämpfst und sie dich auffressen – such dir bitte professionelle Hilfe. Es gibt Menschen, die darauf spezialisiert sind, dich durch diesen Scheiß zu begleiten.



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