Wenn ich in der Vergangenheit gehört habe „mach nur einen kleinen Schritt“, dachte ich mir sooo oft …. „Äh, ja, und welcher ist das?“ Bis mir mal aufgefallen ist: ich bin als Wirtschaftsfachwirtin mit einem krassen Faible für Projekt- und Prozessmanagement vielleicht am ehesten in der Lage, diese Frage zu beantworten 😀 Erst recht, da ich ADHS und Autismus habe – genial, zweiteres steht auf Struktur, ersteres… nicht. Spannende Mischung sag ich mal.
Vielleicht kennst du es also auch: jemand gibt dir den gut gemeinten Rat: „Mach einfach den nächsten kleinen Schritt!“ – und dein neurodivergentes Gehirn antwortet prompt: „Welchen von den 134 Tabs in meinem Kopf meinst du genau? Den mit der Steuererklärung? Dem halbfertigen Kreativprojekt? Oder vielleicht dem Gartenhaus, das seit drei Monaten als Pinterest-Board existiert?“
Hand aufs Herz: Dieser Rat ist nicht falsch. Er ist nur so unvollständig wie ein IKEA-Regal ohne Anleitung. Klar, du könntest es zusammenbauen, aber wahrscheinlich fällt dir dabei das halbe Wohnzimmer auseinander.
Der berühmte „nächste kleine Schritt“ wird erst sichtbar, wenn du vorher eine Landkarte hast. Und diese Landkarte besteht aus Phasen, Kategorien, Bausteinen und Arbeitspaketen.
Klingt nach Projektmanagement? Ja.
Klingt nach Zwangsjacke? Das täuscht ;-).
Klingt nach Entlastung? Definitiv!
Warum dein Chaos-Hirn eine andere Bedienungsanleitung braucht
Stell dir vor, du stehst in einem überfüllten Supermarkt und sollst „einfach mal einkaufen gehen“. Ohne Einkaufszettel. Ohne Plan. Ziel: Hauptsache satt. Ohne jedoch zu wissen, was du kochen willst. Neurotypische Menschen schaffen das scheinbar irgendwie – vielleicht haben sie eine Art eingebautes GPS für solche Situationen?
Wir neurodivergenten Menschen? Wir stehen da und sehen ALLE Möglichkeiten gleichzeitig. Die Tiefkühlpizza ruft. Die Bio-Tomaten winken. Der Süßkram flüstert süße Versuchungen. Nach 20 Minuten haben wir drei Dinge im Wagen, die zusammen etwa so viel Sinn ergeben wie ein Regenschirm im Weltall.
Genau das passiert auch bei deinen Projekten, egal ob im privaten oder beruflichen. Ohne Struktur ist jeder Schritt ein Glücksspiel.
Das 4-Ebenen-System: Dein Kompass durchs Projekt-Chaos
Bevor wir loslegen: Du brauchst einen zentralen Ort für alles. Das kann ein simples Notizbuch sein, ein Google Doc, eine Notion-Seite oder auch nur ein Stapel lose Zettel in einem Ordner. Wichtig ist, dass es DEIN Platz ist. Ich nenne es im folgenden „Logbuch“. Das wird deine externe Festplatte für das Projekt. Alles, was wir gleich besprechen, gehört da rein. Nicht in deinen Kopf, wo es mit den anderen 133 Tabs konkurriert. Ich wiederhole: Dein KOPF als Ablagesystem reicht NICHT. Trust me.
Aber immer mit der Ruhe: Du musst nicht alles auf einmal machen. Das System funktioniert schrittweise. Heute legst du vielleicht nur die erste Ebene fest. Morgen die zweite. Es ist kein Sprint, sondern ein Marathon (ja, ich hasse den Spruch auch, aber er ist halt wahr…).
Lass uns also mein Reintauchen:

Ebene 1: Phasen – Dein Projekt hat immer einen Kontext
Stell dir vor, du willst ein Gartenhaus bauen. (Falls du gerade denkst: „Ich will gar kein Gartenhaus!“ – perfekt! Dann nimm das Beispiel als Gedankenexperiment und ersetze es durch dein aktuelles Lieblings-Prokrastinationsprojekt.)
Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob du gerade:
- Klarwerden musst („Brauche ich überhaupt ein Gartenhaus oder reicht eine wasserdichte Plane mit Stil?“)
- Planen musst („Wo zum Teufel kommen Fundament und Tür hin, ohne dass ich mir täglich den Kopf stoße?“)
- Erstellen bist („Diese verdammten Balken müssen endlich zusammengeschraubt werden!“)
- Verbessern willst („Noch eine Lichterkette, weil Pinterest mir glaubhaft versichert hat, dass mein Leben unvollständig ist ohne fairy lights“)
Wenn du nicht weißt, in welcher Phase du stehst, wirkt jeder Schritt falsch. Du planst, obwohl du eigentlich bauen solltest. Oder du baust, obwohl du noch gar nicht weißt, was du eigentlich willst. Das ist, als würdest du Gas geben, während die Handbremse noch angezogen ist.
Deshalb schreibst du dir fett ins Logbuch: „Aktuelle Phase = Planen“. Das spart dir endlose Gedankenschleifen und das Gefühl, irgendwie immer falsch zu liegen.
Ebene 2: Kategorien – Ordnung ins kreative Chaos
Egal ob Business, Bastelprojekt oder der Traum vom eigenen Podcast: Es gibt immer wiederkehrende Ströme, die parallel durch dein Projekt fließen. Zum Beispiel:
- Inhalt & Kreatives (Ideen, Texte, Design, Musik – alles, was deine Seele zum Singen bringt)
- Technik & Tools (Website, Schrauben, Software – das Zeug, das funktionieren MUSS)
- Kundenerlebnis (Feedback einholen, Testläufe – was andere Menschen davon haben sollen)
- Struktur & Management (Zeit, Budget, To-do-Logik – der unsexy Kram, der alles zusammenhält)
Diese Kategorien sind wie Schubladen in deiner Küche. Ohne sie wirfst du Zahnbürsten in die Bestecklade und suchst den Korkenzieher im Backofen. Möglich? Ja. Sinnvoll? Eher nicht. Förderlich für deine geistige Gesundheit? Definitiv nicht.
Ebene 3: Bausteine – die greifbaren Teilprojekte
Bausteine sind die goldene Mitte: nicht mehr so schwammig wie „ich muss mal was machen“, aber auch noch kein winziger Mikro-Schritt wie „Stift in die Hand nehmen“.
Beispiele für Bausteine:
- Im Strom Technik: „Newsletter einrichten“ oder „Fundament für das Gartenhaus gießen“
- Im Strom Kreatives: „Logo entwerfen“ oder „Grundriss für das Gartenhaus skizzieren“
- Im Strom Kundenerlebnis: „Drei Testkund:innen zum Probelauf einladen“
Bausteine haben ein klares Ziel und sind in sich geschlossen, brauchen aber mehrere kleine Schritte, um zum Leben erweckt zu werden.
Ebene 4: Arbeitspakete – klein, und das, um was es geht
Das ist die berühmte Einheit, die du „heute“ machst. Die magische Größe, bei der dein Gehirn nicht sofort „NOPE!“ schreit und sich in den Netflix-Bunker verkriecht. Ich gebe zu, das braucht Erfahrungswerte, und bis du die hast: Mut zum Fehler machen und eine kleine Portion „scheiß drauf, ich find schon raus, wie es für mich funktioniert“. Wichtig: du musst nicht alle von Anfang bis Ende kennen, aber ab und an mal reinschauen, wo du stehst, wäre sinnvoll.
Kriterien für ein gutes Arbeitspaket:
- Abschließbar in 30–60 Minuten (länger wird ungemütlich)
- Klar formuliert als Befehl (keine schwammigen Hoffnungen – kein Verb drin? Kein Arbeitspaket)
- Messbar an einem „Done“-Kriterium (du weißt genau, wann du fertig bist)
Beispiele:
- „Google-Formular mit 7 Fragen anlegen und einmal testen“
- „3 alternative Grundriss-Skizzen für das Gartenhaus zeichnen“
- „Newsletter-Testmail an mich selbst schicken und auf Handy checken“
- „20 Minuten brainstormen: Was nervt mich an aktuellen Lösungen?“
Erst wenn du die drei Ebenen darüber kennst, ergibt sich dieser nächste kleine Schritt – ohne Würfelspiel im Kopf und ohne das Gefühl, blind durch den Nebel zu tappen.
Und du ahnst es sicherlich: HIER, an dieser Stelle, da passiert die Magie. Hier wird sinnvoll, zielführend umgesetzt. Und vielleicht mache ich aus dem folgenden Aspekt einen separaten Artikel: wenn du die Arbeitspakete hast und kennst, spielt Motivation auf einmal weniger eine Rolle! Du verplemperst keine Zeit im Nachdenken und inneren B*tchfights, sondern kannst diese Energie in die Umsetzung legen.
Wie das alles zusammenspielt: Drei Praxis-Beispiele
Beispiel 1: Business-Projekt (Online-Kurs erstellen)
- Phase: Planen (du weißt schon grob, was du willst, aber die Details müssen geklärt werden)
- Kategorie: Inhalt & Kreatives
- Baustein: „Fragebogen für Zielgruppe entwickeln“
- Arbeitspakete: 1: 7–10 Fragen auswählen, davon 1 provozierend, 1 bildhaft, 1 völlig offen, 2: in Google Forms eintippen und 3: Testlink erstellen
Beispiel 2: DIY-Projekt (Gartenhaus)
- Phase: Erstellen (die Planungsphase ist durch, jetzt wird gebaut)
- Kategorie: Technik & Tools
- Baustein: „Fundament gießen“
- Arbeitspaket: 1: Betonmischung nach Anleitung ansetzen, 2: 4 Balkenschuhe in die richtige Position eingießen
Beispiel 3: Kreativ-Projekt (Song schreiben)
- Phase: Verbessern (der Rohdiamant existiert, jetzt wird geschliffen)
- Kategorie: Inhalt & Kreatives
- Baustein: „Refrain emotional verstärken“
- Arbeitspaket: 3 alternative Textzeilen für den Hook notieren und einmal laut vorsingen (Nachbarn ignorieren)
Selbstmitgefühl statt Selbstschimpfe
Neurodivergente Gehirne ticken anders. Das ist keine Schwäche, sondern einfach eine andere Betriebssoftware. Wir verzetteln uns schneller, springen zwischen Ebenen herum wie hyperaktive Eichhörnchen und verlieren manchmal den roten Faden in einem Knäuel aus tausend bunten Ideen.
Das heißt nicht, dass wir unfähig sind – nur, dass wir eine andere Bedienungsanleitung brauchen. Eine, die unsere Stärken nutzt (Kreativität! Vernetztes Denken! Out-of-the-box-Lösungen!) und unsere Herausforderungen abfängt (Überforderung! Perfektionismus! Prokrastination!).
Plane mit Phasen, sortiere in Kategorien, denke in Bausteinen, handle in Arbeitspaketen.
Und vergiss nicht: Fehler sind Feedback, kein Endurteil. Jedes „Huch, das war zu groß gedacht“ ist ein Lernmoment. Jedes „Okay, das hätte ich anders machen sollen“ ist ein Datenpunkt für das nächste Mal. Du bist noch unerfahren, du lernst noch, wie dein System am besten funktioniert. Sei bitte sanft und nachsichtig mit dir!
Dein Quick-Start heute (9 Minuten reichen)
- Logbuch anlegen – ein simples Doc, Notizbuch oder was auch immer bei dir funktioniert
- Aktuelle Phase reinschreiben – bin ich beim Klarwerden? Planen? Erstellen? Verbessern?
- 3–4 Kategorien für dein Projekt festlegen – was sind die großen Ströme?
- Einen ersten Baustein pro Kategorie notieren – was sind die größeren Teilprojekte?
- Nur eins davon in ein bis fünf Arbeitspaket runterbrechen – und dann: Timer an und machen!
Das Geheimnis: Es wird einfacher
Das Schöne an diesem System: Es wird mit jedem Projekt einfacher. Du entwickelst ein Gefühl dafür, in welcher Phase du stehst. Du erkennst die immer gleichen Kategorien wieder. Du wirst schneller im Definieren von sinnvollen Arbeitspaketen.
Und irgendwann hörst du den Rat „Mach den nächsten kleinen Schritt!“ und denkst nicht mehr: „Welchen von den 134?“ Sondern: „Ah ja, ich bin in der Planungsphase, im Bereich Technik, beim Baustein Newsletter-Setup. Mein nächstes Arbeitspaket ist klar: Mailchimp-Account einrichten und erste Testmail schreiben. Timer auf 45 Minuten, los geht’s!“
So wird aus „Mach den nächsten Schritt“ nicht mehr eine Ohrfeige fürs Chaos-Hirn, sondern ein klarer Kompass durch den Projektalltag. Und das Beste: Du hörst endlich auf, dich für deine Art zu denken zu entschuldigen – und fängst an, sie als das zu sehen, was sie ist: deine ganz eigene, wunderbar funktionsfähige Art, Dinge zu erschaffen.
Wie findest du dieses Vorgehen? Schreib es in die Kommentare!


