Als ich bei meinem Psychiater saß und er sagte „Ja, klarer Fall“, war da keine filmreife Erkenntnis, keine strahlende „Jetzt ergibt alles Sinn!“-Szene mit dramatischer Musik. Es war eher ein dumpfer Moment, ein bitteres Innehalten.

Als die Medikamente tatsächlich wirkten und mir plötzlich das Leben nicht mehr so unverständlich vorkam wie all die Jahre davor, saß ich da – vollkommen überfordert von der Tatsache, dass ich nicht mehr überfordert war.

Da war keine Euphorie. Keine Erleichterung. Da war Traurigkeit. Weil ich in dem Moment wusste, dass ich all die Jahre davor eben doch nicht übertrieben hatte, nicht faul war, nicht inkonsequent. Ich war einfach nur unbehandelt. Und niemand hat es gesehen. Lange Zeit nicht mal ich selbst.

Zwei Jahrzehnte lang immer mal wieder Therapie, Symptome ohne Namen, zig Umwege. Erst meine letzte Therapeutin kam drauf, und auch nur, weil sie selbst in Supervision bei einem ADHS-Spezialisten war.

Und trotzdem. Diese leise Stimme flüstert immer noch: „Aber vielleicht war’s doch nicht so schlimm. Vielleicht hab ich doch allen was vorgemacht.“

Reddit, Facebook, Instagram: alles voll mit Leuten, die vielleicht gerade erst ihre ADHS-Diagnose bekommen haben … und sie am liebsten direkt wieder zurückgeben würden. Denn da kommen auf einmal echt unangenehme Zweifel hoch.

„Vielleicht hab ich mir alles doch nur eingebildet?“

„Vielleicht bin ich einfach nur zu doof fürs Leben und hab die Ärzt:innen so gut getäuscht?“

„Ich hab in Wirklichkeit einfach ein mieses Mindset.“

Klingt absurd? Ist es auch. Jedenfalls, wenn man es mit Abstand betrachtet. Aber mittendrin fühlt sich das überhaupt nicht absurd an. Sondern richtig scheiße.

Die Sammlung der „Zus“ und warum sie uns fertig macht

Zweifel kommen selten aus dem Nichts. Die haben eine Vorgeschichte. Eine laute, nörgelnde, manchmal gut gemeinte und doch komplett entnervende.

Wir (lies: Menschen auf dem neurodivergenten Spektrum, mit ADHS, ADS, AuDHS, ASS) haben keine Briefmarken gesammelt, wir haben „Zus“ gesammelt: Zu laut. Zu wild. Zu emotional. Zu vergesslich. Zu anstrengend. Zu viel.

Manchmal wurden uns diese „Zus“ sogar gar nicht direkt gesagt. Da reicht ein schiefer Blick. Ein Augenrollen. Ein genervtes Ausatmen. Körpersprache ist auch Kommunikation, und unser Gehirn? Meister in Überinterpretation. Das Ergebnis lautet dann: „Ich bin falsch. Ich bin der Fehler im System.“

Man bekommt Dinge zu hören, die logisch klingen, man will sie befolgen, und kriegt es nicht hin. Ist dir eigentlich bewusst, wie ableistisch das ist?

„Reiß dich doch mal zusammen!“ [Das mach ich doch, es reicht trotzdem nicht!]

„Du bist doch klug – warum kannst du das dann nicht?“ [ICH WILL ES DOCH; ABER ICH K.A.N.N. NICHT!]

„Na, wie läuft es denn mit deinem neuen Hobby? Oder haste das auch schon wieder aufgegeben?“ [Halts Maul, Ralf!]

Das brennt sich ein. Tiefer als die binomische Formel. Und irgendwann ist der Zweifel kein Gast mehr, sondern Mitbewohner. Aber nicht der angenehmen Art, eher so eine Mischung aus Kakerlake, Schimmel und Lärmbelästigung, Mietminderung nicht möglich.

Wenn Scham zur zweiten Natur wird

Wie lange haben wir versucht, „normal“ zu funktionieren? Jahrzehntelang diese Maskerade aufrechterhalten, bis zur totalen Erschöpfung. Der Performanzdruck wird zum ständigen Begleiter: Bloß nicht auffallen, bloß nicht wieder „zu viel“ sein.

Und am Ende sind wir so erschöpft von dieser Dauerschauspielerei, dass wir sogar daran zweifeln, ob unsere Erschöpfung berechtigt ist.

Diagnose in der Hand, und der nächste Mindfuck klopft an

Und dann stehst du da. Mit dieser Diagnose in der Hand. Eigentlich solltest du erleichtert sein. Endlich eine Erklärung, endlich ein Name und eine Bestätigung für all das Chaos im Kopf.

Aber stattdessen fragst du dich: „Was, wenn das alles gar nicht stimmt?“ „Was, wenn ich nur gut darin bin, Symptome zu spielen?“ „Was, wenn ich einfach nur nicht klarkomme mit dem Leben?“

Es klingt absurd, ich weiß. Aber wenn du jahrelang gelernt hast, deinen Gefühlen zu misstrauen, wird selbst eine fundierte Diagnose hinterfragt.

Wenn das Bauchgefühl verstummt

Unsereins hat gelernt, Gefühle zu hinterfragen. Es war doch ständig jemand da, der sie abgewertet hat: „Jetzt übertreib nicht.“, „Du bildest dir das ein.“, „So schlimm kann’s doch gar nicht sein.“, „Du hast doch alles, warum bist du nicht einfach zufrieden?“

Und irgendwann fängst du an, genau das selbst zu denken. Du wirst deine schärfste Kritiker:in. Wenn dein innerer Monolog seit Jahren klingt wie deine kritischste Tante, dann ist es logisch, dass du dir selbst nicht mehr traust.

Es gibt diesen Punkt, an dem du dein eigenes Bauchgefühl nicht mehr erkennst. Nicht weil du keins hast, ganz im Gegenteil. Viele von uns sind verdammt gut darin, zwischen den Zeilen zu lesen, Stimmungen aufzufangen, intuitiv zu spüren, was los ist.

Aber wenn du oft genug erlebt hast, dass deine Wahrnehmung in Frage gestellt wurde, dann verstummt irgendwann diese Stimme in dir. Sie wird einfach leiser, kaum hörbar, übertönt von all den anderen Stimmen im Kopf.

Traurig daran ist: Du warst nie falsch. Du hast nur gelernt, dir selbst zu misstrauen.

Blonde Frau sitzt verzweifelt in leerem Raum

Die Ironie des Ganzen: Wenn Zweifel selbst ein Symptom ist

Und dann wird’s richtig wild. Weil der Zweifel, der dich nachts wach hält, der Gedanke, du würdest dir das alles nur einreden: genau der ist ein typisches ADHS-Ding.

Die Angst, eine „Trenddiagnose“ abbekommen zu haben. Der vorwurfsvolle Gedanke, man könnte das alles ja auch mit Disziplin oder einem besseren Mindset in den Griff kriegen: all das spricht eher für ADHS als dagegen. Aber auch das Stimga: Neulich bezeichnete jemand ADHS als “Assi-Diagnose”. Hallo??? Na wer will schon eine „Assi-Diagnose“ haben.

Wer kein neurodivergentes Gehirn hat, stellt sich diese Fragen meistens gar nicht. Die denken nicht monatelang drüber nach, ob ihre Probleme „echt genug“ sind. Die machen einfach.

Aber wir? Wir sezieren unser Verhalten in tausend Einzelteile, wir lesen jede Studie, wir checken Symptome auf fünf verschiedenen Webseiten und sind immer noch unsicher. Zähl mal nach: wie viele Selbsttests hast du schon gemacht?

Das ist kein Zeichen, dass du falsch liegst. Das ist ein Zeichen, dass du dich zu sehr mit dir selbst beschäftigst. Willkommen im Club der ADHSler.

Und genau deshalb tut es so weh. Weil du denkst, du hast alles überdramatisiert, dabei bist du einfach nur überreflektiert.

Wenn das System versagt und wir zu unseren eigenen Expert:innen werden müssen

Ich habe neulich jemanden wiedergetroffen, den ich aus der Reha kannte. Knapp ein Jahr nach seiner Entlassung bekam er endlich seine ADHS-Diagnose. Nicht sein erster Versuch, by the way, eher der zehnte. Davor: Depressionen, Persönlichkeitsstörungen, diffuse körperliche Symptome, die nicht gelindert werden konnten.

„Du hast mich getriggert“, hat er gesagt. „Ich hab mich in dir gespiegelt und das war ätzend. Aber es hat auch was klar gemacht.“

Als die Diagnose stand, war er erleichtert. Und gleichzeitig wütend. Verständlich, oder? Jahrzehnte lang suchst du nach Antworten und dann stellt sich raus: Alles war ein einziger, riesiger blinder Fleck.

Was stimmt mit diesem System nicht?

So viele Menschen da draußen rennen seit Jahren durch das System, sammeln Diagnosen wie andere Briefmarken, aber niemand schaut wirklich hin.

Und dann gibt es da draußen immer noch Fachleute, die ADHS im Erwachsenenalter für ein Internet-Märchen halten. Die sagen: „Das gibt’s doch nur bei Kindern.“ Die mit ihrem Halbwissen echten Schaden anrichten, genau dann, wenn du am verletzlichsten bist.

Wenn ich meine Symptome besser erklären kann als der Mensch mir gegenüber im Kittel, läuft grundlegend was schief – nicht nur in mir.

Warum dauert es so verdammt lange, bis Menschen ernst genommen werden? Warum kennen wir unsere Symptome besser als die Leute im weißen Kittel?

Spoiler: Weil das System nicht auf uns ausgerichtet ist. Es ist kaputt. Nicht wir.

Leidensdruck ist kein Lifestyle

Kein Mensch setzt sich freiwillig monatelang auf Wartelisten oder gibt hunderte Euro für eine privat bezahlte Diagnostik aus, nur um sich dann irgendwas einzubilden.

Menschen, die eine ADHS-Diagnostik anstreben, tun das nicht aus Langeweile. Oder weil sie auf den nächsten Internet-Hype aufspringen wollen. Die tun das, weil sie verzweifelt sind. Weil irgendwas nicht mehr geht.

Du brauchst einen ordentlichen Batzen Leidensdruck, um diesen Weg überhaupt zu gehen. Denn ADHS-Diagnostik ist kein Spaziergang, es ist ein verdammter Hindernislauf.

Viele von uns haben vorher schon eine kleine Kollektion an Diagnosen angesammelt: Depression. Angststörung. Anpassungsstörung. Sucht. Vielleicht auch irgendwas mit „Persönlichkeits-“ vorne dran. Aber irgendwie hat das alles nie das ganze Bild erklärt. Es war wie ein Puzzle, bei dem du immer ein Teil in der Mitte vermisst.

Der ADHS-Mindfuck in Reinform: Wenn’s passt, passt es einem trotzdem nicht

Es gibt Tage, an denen ich halbwegs funktioniere, vieles leicht von der Hand geht. Aufräumen, einkaufen, produktiv arbeiten. Wenig Drama. Dann denke ich: Ob ich es nun doch nicht habe? Fun-Fact: Um den Eisprung rum ist meistens diese Zeit.

Und dann gibt es diese Tage, da schreit alles in mir: Safe, ich hab ADHS. Ich hab es sogar zweimal! Jede Checkliste? Ich könnte sie vertonen. Ich verliere mein Handy beim Telefonieren, vergesse Termine, starre zehn Tabs an und öffne trotzdem noch ’nen zwölften. Weiterer Fun-Fact: Meist um die Zeit der Periode und wenn PMS kickt.

Das ist der ADHS-Mindfuck in seiner reinsten Form: Selbst wenn’s passt, passt es einem nicht. Und wenn’s mal nicht so schlimm wirkt, will man die ganze Diagnose wieder zurückgeben.

Aber genau dieser Zickzack, der ist eben auch typisch. Es gibt nichts Lineares, nichts Eindeutiges. Und trotzdem ist es so krass real.

Das Bauchgefühl ehren

Ich hab Zweifel. Immer mal wieder. Aber ich hab auch Google, Reddit, eine ganze Community und diverse Screenshots von Beiträgen, die mich so exakt beschreiben, dass ich sie manchmal aus Verlegenheit wegwische.

Und ganz ehrlich: Wenn tausende fremde Menschen exakt dasselbe durchmachen wie ich – dann ist das entweder ein weltweites, sehr weirdes soziales Experiment … oder da ist wirklich was dran.

Du musst nicht textbook-ADHS sein. Du bist vielleicht die Fußnote, die wild blinkt. Aber du bist nicht allein. Und du bist auch nicht verrückt. Vielleicht ein bisschen zerzaust. Aber definitiv nicht ausgedacht.

Was also, wenn es wahr ist?

Dann darfst du anfangen, dich selbst weniger zu hinterfragen. Du darfst aufhören, dich als defekt zu betrachten. Du darfst dir erlauben, anders zu ticken, ohne dich dafür zu schämen.

Nimm einfach mal an, dass es wirklich so ist, dass dein Gehirn anders verkabelt ist und du andere Bedürfnisse hast. Was würde es bedeuten? Unabhängig von einer medizinischen Bezeichnung und einem ICD-10-Code? Was bedeutet das für ein lebenswertes Leben?

Du darfst trauern um die Zeit, in der du dich falsch und unzureichend gefühlt hast. Und dann darfst du anfangen, dich selbst so zu akzeptieren, wie du bist. Mit allem, was dazugehört.

Und vielleicht – nur vielleicht – das nächste Mal nicht denken: „Ich doch nicht… oder?“ … sondern einfach: „Joa, doch. Ich. Und jetzt erstmal Kaffee.“

Die Zweifel bleiben – und das ist okay

Falls du dich also heute wieder fragst, ob du alles nur gespielt hast, ob du clever genug bist, um Fachleuten was vorzumachen: hey, willkommen im Club.

Dieser Zweifel, der da sitzt wie ein schlecht erzogener Mitbewohner, der ist leider Teil des Pakets. Und manchmal flüstert er: „Du bildest dir das alles nur ein.“ Und manchmal brüllt er: „Du bist einfach nur faul.“ um dann zu sagen “Ach, haha, jaaaa. I’m part of this tribe!”

Ich sehe es so: genau dieses Gedankenkreisen, diese ständige Selbstüberprüfung, das ist kein Beweis gegen deine Diagnose. Das ist eines der lautesten Symptome dafür.

Du zweifelst nicht, weil du unehrlich bist. Du zweifelst, weil du es immer gewohnt warst, dich zu hinterfragen. Und das ist nicht dein Fehler. Das sind eingefahrene Denkmuster. 

Und das darf so sein, wie es ist. Auch wenn es manchmal anstrengend ist. Auch wenn es manchmal zu viel will. Auch wenn es dich manchmal selbst nicht versteht.

Du darfst trotzdem da sein. Mit deinem Zweifel. Und mit deiner Wahrheit.