Alkohol & ADHS – eine Kombination, über die viel zu wenig ehrlich gesprochen wird, obwohl sie durchaus präsent ist. Ich bezeichne meinen Alkoholismus manchmal als Geschenk. „Jetzt ist sie völlig übergeschnappt.“ denkst du dann vielleicht. Wie kann eine tödliche Krankheit wie Alkoholismus ein Geschenk für jemanden mit ADHS sein?

Ich sage es dir: Ohne die Werkzeuge der Anonymen Alkoholiker (AA) wäre mein ADHS-Gehirn heute vermutlich ein rauchender Trümmerhaufen. Während die Welt versucht, ADHS mit Planern und „reiß dich mal zusammen“ zu heilen, jeder nach dem heiligen Gral und DEM heißen Tipp sucht, habe ich durch meinen Alkoholismus gelernt, dass die radikale Kapitulation der einzige (mein einziger) Weg in die Freiheit ist.

Also ja, lass mich über etwas reden, das die meisten Menschen nicht verstehen werden: Wie ausgerechnet meine Sucht mir geholfen hat, mein chaotisches Gehirn zu verstehen. Und warum ich heute froh bin – ja, wirklich froh, mittlerweile -, Alkoholikerin geworden zu sein.

(Bevor jetzt jemand in Panik verfällt: Nein, ich romantisiere hier keine Sucht. Alkoholismus hat mir Dinge genommen, die ich nie wieder zurückbekomme. Aber dazu später mehr.)

Es ist halt einfach so: Menschen mit ADHS haben ein erhöhtes Risiko für Sucht. Alkohol wirkt wie eine schnelle Lösung für ein überreiztes Gehirn. Genau deshalb ist die Kombination aus Alkohol und ADHS so gefährlich und so verbreitet.

Alkohol und ADHS – Die wichtigsten Fakten auf einen Blick


– Menschen mit ADHS haben ein erhöhtes Suchtrisiko
– Alkohol wirkt kurzfristig beruhigend, verschlechtert langfristig Impulskontrolle
– Selbstmedikation ist häufig, aber gefährlich
– Frühe Diagnose senkt Sucht-Risiko
– Hilfe: AA, Suchtberatung, ADHS-Therapie

Info-Box: Warum Alkohol bei ADHS so verführerisch ist

  • ADHS-Gehirne suchen Dopamin
  • Alkohol beruhigt kurzfristig Reizüberflutung
  • Impulsivität erhöht das Suchtrisiko
  • Langfristig verschlechtert Alkohol die Selbstregulation

Das „Nur für heute“-Prinzip: Wenn dein ADHS-Gehirn endlich einen Plan bekommt, der funktioniert

Wenn ich ADHS habe (und ja, ich habe es definitiv), ist „Morgen“ ein mythischer Ort, an dem ich theoretisch alles erledige. Ich komme nur nie da an. Ich plane in Lichtjahren und scheitere an den nächsten fünf Minuten.

Bei den AA gibt es dieses Konzept: „Nur für heute.“ Im ersten Moment klingt das nach Kalenderspruch-Kitsch. (Du weißt schon, diese Instagram-Posts mit Sonnenuntergängen und seichten Sprüchen.) Aber eigentlich ist es ein krasses Umframing für ein Gehirn, dessen präfrontaler Cortex – der Manager in meinem Kopf – ständig Überstunden macht, ohne Ergebnisse zu liefern.

Im grünen Buch der AA, „24 Stunden am Tag“, steht vorne ein Spruch aus dem Sanskrit. Ich hab ihn mir damals markiert, weil er mir irgendwie die Erlaubnis gibt, aufzuhören zu diskutieren:

„Achte gut auf diesen Tag,

Denn er ist das Leben –

Das Leben allen Lebens.

In seinem kurzen Ablauf

Liegt alle Wirklichkeit und Wahrheit des Daseins,

Die Wonne des Wachsens,

Die Größe der Tat,

Die Herrlichkeit der Kraft –

Denn das Gestern ist nichts als ein Traum

und das Morgen nur eine Vision.

Das Heute jedoch – recht gelebt –

Macht jedes Gestern zu einem Traum voller Glück

Und jedes Morgen zu einer Vision voller Hoffnung.

Darum achte gut auf diesen Tag!“

Als ich das das erste Mal richtig gelesen habe, nicht nur überflogen, sondern verstanden, hat sich etwas in mir verschoben. Auf das Gestern hab ich keinen Einfluss, es ist Geschichte, das Morgen bisher nur eine Vision und nicht wirklich absehbar. So einfach, so schwierig, nicht wahr? Gestern ist Geschichte. Morgen existiert noch nicht. Heute ist das Einzige, was ich habe. Diesen Spruch kennen ist das eine, ihn LEBEN, eine ganz andere Hausnummer.

In meinem Alkoholismus musste ich lernen: Ich kann nicht versprechen, nie wieder zu trinken. Das ist zu groß. Mein Gehirn bekommt Panik. Aber ich kann entscheiden, heute nicht zu trinken. Heute will ich vertrauen, heute mache ich die Wäsche, heute finde ich kleine Wunder. Heute. 

Bitte versteh es nicht als den üblichen Motivations-Bullshit. Für mich ist das eine Überlebenstechnik für ein Gehirn, das ständig versucht, in die Zukunft zu springen oder in der Vergangenheit zu versinken (und nach Betäubung sucht).

Too be honest, der kritische Punkt ist eben, sich auch jeden Tag daran zu erinnern 😀


Aufhören zu diskutieren: Die radikalste Form der Akzeptanz

Ich habe mein halbes Leben (oder noch mehr) damit verbracht, mit mir selbst zu diskutieren. Über alles. Warum ich nicht so bin wie andere. Warum ich Dinge nicht hinbekomme, die für andere selbstverständlich sind. Warum mein Gehirn so ein Chaos ist. Warum ich jetzt Sport machen sollte, oder gesund essen, oder mal die Fresse halten. Warum kann es nicht leichter, schöner, fairer, gerechter sein. Was auch immer ES ist. 

In der Genesung vom Alkoholismus ist der erste Schritt die Kapitulation. Das Eingeständnis: „Ich bin machtlos.“

Ich fand es am Anfang zum Kotzen, irgendwie so deprimierend. Die Bestätigung meines Gefühls, wirklich versagt zu haben. Aber irgendwann konnte ich verstehen: Das ist eben nicht Aufgeben. Das ist aufhören zu diskutieren. Das pathetische „Annehmen, was ist“.

Als ich akzeptiert habe, dass ich Alkoholikerin bin, hörte der Kampf gegen das Glas auf. Ich musste nicht mehr jeden Tag neu entscheiden, ob ich vielleicht doch trinken kann. Ich musste nicht mehr mit mir verhandeln. Die Diskussion war beendet.

Und als ich dann, Jahre später, immer mal wieder akzeptieren konnte, dass mein Gehirn neurodivergent ist, dass ich ADHS und Autismus habe? Der ständige Kampf gegen mich selbst und das, was ich wahrnehme und im gleichen Gedankenzug bewerte und ablehne, hörte auf, oder wurde zumindest weniger. (Ich nenne das: Endlich habe ich die Transferleistung geschafft… Hat gedauert)

Ich kapituliere jeden Tag davor, wer ich bin. Ich bin eine Frau, die keinen Alkohol verträgt. Keine Diskussion. Und ich bin eine Frau, deren Gehirn Reize filtert wie ein kaputtes Nudelsieb. Ich brauche Dinge, auf die ich keinen Bock habe. Ist halt so. Go for it, B*tch. 

Ich kann es aber auch schöner formulieren: es ist strategische Akzeptanz.

Und ich bin so dankbar, dass ich das gelernt habe. Aufzuhören, an bestimmten Stellen zu diskutieren. Nicht mit mir, nicht mit der Welt. Die weiße Fahne hochheben. Auf den Rücken legen. Sagen: „Okay, so ist es. Was nun?“

Warum soll ich mich ständig mit mir selbst streiten? Mein Gehirn funktioniert anders. Will ich überhaupt so sein wie alle anderen? (Nö.).

Und von DIESEM Punkt aus, kann ich weiterleben, weiter gehen, schauen, was möglich ist. Am Boden, kapituliert, wehrlos beinahe.


Die Inventur: Die schonungslose Ehrlichkeit, die ich hasse und brauche

Eine der wichtigsten (und schmerzhaftesten) Lektionen, die ich durch die AA gelernt habe, ist die radikale Ehrlichkeit mir gegenüber. Im vierten und zehnten Schritt geht es darum, eine schonungslose Inventur von sich selbst zu machen.

Das ist keine nette Selbstreflexion beim Kaffee mit deiner besten Freundin. Das ist:

Wo lüge ich mir in die Tasche?

Wo spiele ich das Opfer?

Wo gebe ich anderen die Schuld für Dinge, die in meiner verdammten Verantwortung liegen?

Ich habe schon einige Alkoholiker erlebt, die nach Jahren der Nüchternheit plötzlich sagen: „Ab JETZT bin ich wirklich ehrlich.“ Und ich denke mir nur: Aha. Ehrlichkeit ist keine Einmal-Entscheidung. Das ist tägliche, minutiöse, nervenaufreibende Arbeit.

Und genau diese Ehrlichkeit hilft mir massiv mit meinem AuDHS. Wenn ich merke, dass meine Gedanken abdriften, dass ich mich in Katastrophenszenarien verliere oder mir einrede, dass ich sowieso alles falsch mache, komme ich zu dieser einen Frage zurück:

Wo habe ich gerade Einfluss?

Und wo mache ich mich selbst zum Opfer?

Das ist Eigenverantwortung. (Ja, das Wort, das niemand hören will.) Es ist immer wieder das gleiche Thema: Ich bin verantwortlich. Niemand anders hält mir die Flasche an den Hals – das mache ich selbst. Ich entscheide mich dafür. Genauso wie ich mich entscheide, einem System, der Schule, meinen Eltern oder sonst wem eine Schuld geben zu wollen. Oder eben – nicht. Denn es geht a) nicht um Schuld und b) was bringt mir das in meiner aktuellen Situation, auf dem Boden liegend und die Wäscheberge ignorierend?

Es ist meine Verantwortung, wie ich mich fühle, was ich denke, wie ich handle. Und ich finde es manchmal richtig scheiße, Verantwortung zu übernehmen. Aber die Alternative, mich immer als Opfer und ausgeliefert zu fühlen, ist noch beschissener.


Die Stimmen im Kopf: Mein chaotisches Parlament ohne Sitzungsleitung

In meinem Kopf herrscht oft eine Parlamentsdebatte ohne Sitzungsleitung. Da ist die Stimme, die sagt: „Du musst das jetzt so machen wie alle anderen.“ Dann kommt die Impulsiv-Stimme: „Lass uns alles hinwerfen und nach Portugal ziehen.“ (Die mag ich.)

Und dann ist da diese relativ neue Stimme, die ich durch die AA und Therapie kennengelernt habe: Die beobachtende Instanz. Ich nenne sie meine „innere weise Frau“. (Manchmal ist sie auch eine müde, genervte Frau, aber okay.)

Sie schaut sich das Chaos an und sagt: „Interessant. Da will also gerade jemand flüchten. Okay, lass sie mal reden. Aber wir bleiben hier.“ Wirklich crazy, diese entspannte, gelassene und irgendwie weise (aber auch flüchtige) Instanz in mir, die ich da mit der Zeit installiert habe. 

Das ist das wahnsinnige Geschenk der Achtsamkeit, das ich in der Suchtarbeit gelernt habe. Ich kann meine Impulse beobachten, ohne sofort nach ihnen zu tanzen. Für jemanden mit ADHS, der quasi aus Impulsen besteht, ist das schon ein Ding. Und bitte, das heißt nicht, dass ich auf einmal ein anderer Mensch bin. Aber ich finde mich selbst nicht mehr so anstrengend (meistens zumindest). Und meine Umwelt auch nicht.

Das hindert mich nicht daran, auch mal depressive Phasen zu haben. Aber ich erkenne sie schneller. Und ich kann gegensteuern. Übung macht den Meister?…


Warum Alkohol bei ADHS so verführerisch ist


ADHS-Gehirne suchen Dopamin
Alkohol beruhigt kurzfristig Reizüberflutung
Impulsivität erhöht das Suchtrisiko
Langfristig verschlechtert Alkohol die Selbstregulation

Alkohol und ADHS: Warum diese Kombination so gefährlich ist

Ich sag‘s direkt: Alkohol und ADHS sind eine gefährliche, tödliche Kombination. Hör auf, dir da was schön zu reden.

Mein ADHS-Gehirn lechzt nach Stimulation. Nach Dopamin. Nach irgendetwas, das diese innere Unruhe beruhigt. Alkohol bietet diese scheinbare Ruhe. Diese Illusion von Kontrolle. Diese kurze Pause vom Chaos.

Wenn du gerade beim Lesen denkst: „Scheiße, das bin ich“ – dann hör mir zu.

Ich verstehe, warum du trinkst. Ich verstehe die Verzweiflung, wenn dein Kopf nicht aufhört zu denken. Ich verstehe das Gefühl, wenn du nach einem Tag voller Task Paralysis, Reizüberflutung und miesem Selftalk endlich „runterkommst“ mit einem Glas Wein.

Aber ich sage dir auch: Das ist nicht die Lösung. Das ist der Anfang einer Spirale, die dich umbringen kann. (Oder wird.)

Hol dir Hilfe. Geh zu einer AA-Gruppe oder vergleichbarem (du wirst überrascht sein, wie viele ADHSler da sitzen. Nicht.). Such dir eine Therapie. Rede mit jemandem. Du musst das nicht alleine schaffen. Du kannst es nicht alleine schaffen. Ich musste und konnte es auch nicht alleine schaffen. 


Warum ich froh bin, Alkoholikerin zu sein

Das klingt verrückt, ich weiß. Aber ohne den harten Aufprall auf dem Boden der Sucht hätte ich nie gelernt, mein Gehirn wirklich zu verstehen. Und ich hätte nicht so vehement nach Antworten gesucht.

Neurotypische Menschen beschäftigen sich mutmaßlich oft nie so tiefgehend mit ihrer Psyche. Sie „laufen“ einfach so mit. Ich, mit meinen Special Effects im Gehirn und einer Suchtgeschichte im Gepäck, wurde gezwungen, Expertin für mich selbst zu werden. 

Und Achtung, noch ein Kalenderspruch: Es lohnt sich. 

Wie oft sehe ich, wie der Aufwand überschätzt wird und das Ergebnis unterschätzt wird. Voll schade!

Nochmal, bevor das hier falsch ankommt: Es gibt nichts Romantisches an einer Sucht. Alkoholismus ist eine tödliche, hässliche und einsame Krankheit. Sie hat mir Dinge genommen, die ich nie wieder zurückbekomme. Ich bin nicht froh über das Leid, das ich verursacht habe, oder die Jahre, die im Nebel verschwunden sind.

Aber ich bin froh über die Radikalität der Heilung, zu der mich diese Krankheit gezwungen hat.

Ich bin sehr gut darin, in Gedanken aus Scheiße Gold machen zu können. Und ich will das, trainiere das. Weil ich dann erkenne, wo ich anfange abzubiegen. Ein Großteil meiner Gefühle wird von meinen Gedanken bestimmt. Natürlich kann die Außenwelt mich beeinflussen. Aber die habe ich zum Teil ausgesperrt

Denn: Das meiste hat erstaunlich wenig Einfluss auf mein tatsächliches Leben. Es passieren Dinge, auf die habe ich keinen Einfluss. Aber ich habe Einfluss darauf, wie ich damit umgehe.


Muss nicht alles Spaß machen

Das muss nicht alles Spaß machen.

Vielleicht ist das die härteste Wahrheit, die ich schlucken musste. Ich mache Sport nicht, weil er mir Spaß macht. (Er macht mir keinen Spaß.) Ich mache ihn, weil ich das haben will, was danach kommt. Genauso ernähre ich mich gesund, obwohl ich mich lieber den ganzen Tag von Kinderschokolade ernähren würde. Ich bemühe mich um guten Schlaf, obwohl ich eher ne Eule bin, aber mein Lebensmodell gibt es nicht her, mich dem voll hinzugeben.

Das ist keine populäre Meinung. (Einst sprach ich mit einer betroffenen Freundin darüber. Na die fand das Prinzip ja mal kacke, aber was willste machen…). Es ist meine Realität.

Und dieses grundehrliche Kapitulieren – die weiße Fahne hochheben, sich auf den Rücken legen und sagen „Okay, so ist es“ – ist so hilfreich. Ich habe mich für etwas entschieden. Dann mache ich das. Dann ist das gut. Keine Diskussion.


Fazit: Ich trage die Verantwortung und mache aus Scheiße Gold

Wenn du gerade in der Abwärtsspirale aus Selbstvorwürfen, Suchtdruck oder ADHS-Chaos steckst, denk an das Prinzip der Kapitulation. Hör auf zu kämpfen. Fang an zu schauen.

Ich bin nicht zu viel. Ich bin einfach nur auf einer anderen Frequenz unterwegs. Und vielleicht ist mein „Alkoholismus“ oder mein „ADHS“ genau der Weckruf, den ich gebraucht habe, um endlich mein wahres Ich kennenzulernen.

Ich will nicht mehr sein wie alle anderen. Ich will nicht mehr „normal“ funktionieren. Ich will mein chaotisches, wunderbares, trockenes Gehirn nutzen, um die Welt in all ihren Facetten zu spüren, auch wenn es manchmal immernoch zu laut, zu hell und zu viel ist.

Manche Akzeptanz-Lektionen kommen immer mal wieder hoch. Das sind meine alten Gedanken, die ich über Jahrzehnte trainiert habe. Aber ich habe gelernt aufzuhören zu diskutieren. Die Diskussion ist beendet. Ich bin, wie ich bin.

Und das ist gut so.

Stay tuned, bleib nüchtern, bleib chaotisch.

Deine Katarin