Du denkst, Selbsthilfegruppen sind alle gleich? Spoiler: Nope. Nicht mal annähernd.

Es gibt Gruppen, die dein Leben retten können. Und es gibt Gruppen, die sich nur Selbsthilfe nennen, aber in Wahrheit Sekten-light sind mit einem besseren Marketing-Budget. Der Unterschied ist subtil, aber er entscheidet darüber, ob du dort heilst oder nur eine neue Abhängigkeit entwickelst (diesmal von der Gruppe statt vom Stoff).

Ich gehe seit über fünf Jahren teilweise mehrfach die Woche in Selbsthilfegruppen (hier kannst du mehr darüber lesen). Alkohol, ADHS, und ein paar andere Themen, die mir im Laufe der Zeit über den Weg gelaufen sind (oder ich ihnen, je nachdem, wie man’s sieht). Und ich habe gelernt: Es gibt Merkmale, die IMMER da sein müssen. Ohne Wenn und Aber.

Wichtig: Ich rede hier von MIR und MEINEN Ansichten.
Bilde dir am besten deine eigene Meinung, und übernimm auch diese Dinge hier nicht unhinterfragt. Danke.

Kurz erklärt: Woran erkennt man eine gute Selbsthilfegruppe?


Eine gute Selbsthilfegruppe ist kostenlos oder niedrigschwellig, arbeitet ohne Weisungen oder Dogmen und schützt ihre Mitglieder vor Bewertung.

Sie basiert auf Peer-Austausch, klaren Regeln und freiwilliger, wiederholbarer Teilnahme.

Gute Selbsthilfegruppen sind kein Therapieersatz, sondern eine stabile Ergänzung – getragen von der Gruppe selbst, nicht von einzelnen Personen.


Merkmal 1 – Eine gute Selbsthilfegruppe ist kostenlos oder niedrigschwellig

Kostenfreiheit schafft Sicherheit und verhindert Abhängigkeiten.

Geld verzerrt Energie. Ende der Diskussion.

Eine gute Selbsthilfegruppe finanziert sich durch freiwillige Spenden, vielleicht ein paar Euro für Raumkosten oder Kaffee (schmeckt meist kacke, aber hat was von nem Ritual… mit Mundgeruch hinterher). Aber es gibt keine Mitgliedsbeiträge, keine Pflichtspenden, keine „empfohlenen Beträge“ von 50 Euro im Monat.

Warum? Weil Niederschwelligkeit alles ist. Du sollst kommen können, wenn du am Boden liegst, wenn dein Konto leer ist, wenn du gerade deinen Job verloren hast oder deine Wohnung. Nicht erst, wenn du genug Geld zusammengekratzt hast, um dir „Hilfe leisten zu können“ (als wäre Hilfe ein Luxusartikel).

Geld schafft Hierarchien. Geld schafft Erwartungen. Geld macht aus einem Safe Space einen Marktplatz. Und das ist genau das Gegenteil von dem, was eine Selbsthilfegruppe sein sollte.

(Fun Fact: Das ist auch der Unterschied zwischen meinen kostenlosen Community-Räumen und bezahlten Programmen. Klarheit schafft Vertrauen. Wer zahlt, bekommt meine professionelle Arbeit. Wer nicht zahlt, bekommt einen Raum, in dem niemand etwas von ihm will. Beides hat seinen Platz.)


Merkmal 2 – In einer guten Selbsthilfegruppe gibt es keine Weisungen

Erfahrungswissen statt Anleitungen oder Dogmen.

Gute Selbsthilfegruppen sind keine Schulen. Keine Seminare. Keine Workshops. Keine Orte, an denen dir jemand erklärt, wie du dein Leben zu leben hast.

Das bedeutet:

  • Keine Anleitungen („So macht man das richtig“)
  • Keine Dogmen („Du MUSST X tun, sonst funktioniert es nicht“)
  • Keine Pflichtlektüre (kein „Lies erstmal dieses Buch, bevor du wirklich mitmachen kannst“)
  • Keine „Das ist der einzige Weg“-Mentalität

Was du stattdessen bekommst: Erfahrungswissen. Menschen erzählen, was bei IHNEN funktioniert hat. Nicht, was bei dir funktionieren MUSS. Das ist der krasse Unterschied.

Ich kann 400 Mal in Meetings gewesen sein und trotzdem etwas Neues lernen. Ich hab nicht jedes mal große Erkenntnisse und Erleuchtungen, aber erkenne doch in den Geschichten anderer Menschen meine eigenen Muster. Das ist Peer-Learning in Reinform, und es ist verdammt wirksam. Aber es ist das Gegenteil von pädagogischer Belehrung.

(Wenn dir jemand sagt „Du MUSST das so und so machen“, dann renn. Ernsthaft. Das ist keine Selbsthilfe, das ist Manipulation mit guten Absichten.)


Merkmal 3 – Klare Regeln geben der Gruppe Sicherheit

Wenige Regeln, konsequent gehalten, machen den Raum tragfähig.

Micro-Struktur schafft Sicherheit. Vor allem für Menschen, die sonst keine Struktur halten können (hallo, ADHS-Gang).

Die Klassiker, die du in fast jeder guten Gruppe findest:

  • Bleib bei dir. Rede von dir, nicht über andere.
  • Keine Ratschläge während der Runde. Hinterher im persönlichen Gespräch? Okay, wenn nachgefragt wird. Aber nicht im Meeting selbst.
  • Was hier gesagt wird, bleibt hier. Schweigepflicht ist heilig.
  • Ausreden lassen. Kein Reinquatschen, kein Unterbrechen.
  • Kein Alkohol/Drogen im Meeting. (Ja, auch wenn es eine Alkoholiker-Gruppe ist. Gerade dann.)
  • Jeder darf reden, keiner muss. Du kannst auch einfach nur dasitzen und zuhören.
  • Kein Cross-Talk. Also kein direktes Hin- und Her-Gespräch zwischen zwei Personen während der Runde.

Das klingt simpel, aber das IST die Magie. Diese Regeln schaffen einen Rahmen, in dem Menschen, die sonst keine Struktur halten können, plötzlich in der Lage sind, präsent zu sein. Weil die Struktur nicht von ihnen kommt, sondern vom Raum.


Merkmal 4 – Eine gute Selbsthilfegruppe trägt sich selbst

Moderation ohne Macht, Verantwortung ohne Hierarchie.

Es gibt Moderation, aber keine Macht.

Ein „Chair“ oder „Host“ hält den Raum. Sie leiten ein, geben den Rahmen, achten auf Abläufe. Aber sie sind nicht die Chefs. Sie sind nicht die, die das letzte Wort haben oder die Entscheidungen treffen. Sie sind Dienstleister – nicht Führer.

Wenn eine Gruppe von einer Person abhängig ist, wenn alles zusammenbricht, sobald diese Person nicht da ist, dann kippt die Dynamik. Dann wird aus einer Selbsthilfegruppe schnell eine „Ich-verehrung-Gruppe“, und das ist toxisch. Auch wenn die Person selbst die besten Absichten hat.

(Das ist auch der Grund, warum ich meine eigene Community nicht als „Katarins Tempel“ baue. Ich will Räume schaffen, die sich selbst tragen – nicht Abhängigkeiten von mir. Das ist verdammt schwer, aber es ist auch verdammt wichtig.)


Merkmal 5 – Keine Missionierung in einer guten Selbsthilfegruppe

Ich erzähle von mir. Nicht von dir.

Wenn dir jemand erzählt, du MUSST X tun, oder „wir wissen es besser“, dann ist es keine Selbsthilfe. Dann ist es Sekten-Energie light. Vielleicht gut gemeint, aber trotzdem schädlich.

Echte Selbsthilfe heißt: Ich erzähle von MIR – nicht von DIR.

  • Nicht: „Du solltest mal aufhören, so viel zu trinken.“
  • Sondern: „Ich habe gemerkt, dass es mir besser ging, als ich aufgehört habe.“
  • Nicht: „Du musst lernen, deine Emotionen zu regulieren.“
  • Sondern: „Ich arbeite gerade daran, meine Emotionen besser zu verstehen, und das ist verdammt anstrengend.“

Das schützt:

  • Deine Autonomie (du entscheidest, was für dich stimmt)
  • Deine Würde (niemand redet dir rein)
  • Deine Klarheit (du findest deinen eigenen Weg, nicht den von jemand anderem)
  • Deine Genesung (die ist individuell, nicht standardisierbar)

Merkmal 6 – Sicherheit vor Bewertung ist zentral in jeder guten Selbsthilfegruppe

Bewertungslosigkeit als gelebte Praxis, nicht als Versprechen.

Ein guter Kreis wertet nicht.

Das heißt konkret:

  • Kein „Ach komm, so schlimm ist das nicht“
  • Kein „Du solltest…“
  • Kein „Warum hast du denn…?“
  • Kein „Ohhhh das wird jetzt richtig schwer für dich…“
  • Kein „Bei mir war es schlimmer“ (Leid ist kein Wettbewerb)

Bewertungslosigkeit als Praxis – nicht nur als Versprechen. Das ist einer der seltensten Orte im Leben. Und genau deshalb ist er so heilsam.

In der Außenwelt wird ständig bewertet. Deine Leistung, dein Aussehen, deine Entscheidungen, deine Gefühle. „Das ist nicht so schlimm“ ist eine Bewertung. „Du übertreibst“ ist eine Bewertung. „Andere haben es schwerer“ ist eine Bewertung.

In einer guten Selbsthilfegruppe gibt es das nicht. Du darfst fühlen, was du fühlst. Ohne Rechtfertigung, ohne Relativierung.

Aber Achtung bitte: Wir sind alle Lernende. Wir werden uns beim Bewerten und Urteilen ertappen. Und das dürfen wir neugierig betrachten, statt uns dafür selbst wieder klein zu machen. Am besten gleich teilen! 😉


Merkmal 7 – Die Gruppe ist kein Therapieersatz

Ergänzung und Stabilisierung statt Behandlung.

Gute Gruppen sagen das offen.

Sie sind:

  • Ergänzung
  • Stabilisierung
  • Peer-Support

Sie sind NICHT:

  • Therapie
  • Medizinische Behandlung
  • Lösung für akute psychiatrische Krisen

Das zu wissen und zu kommunizieren hält die Gruppe sauber und schützt die Menschen in ihr. Niemand sollte in eine Selbsthilfegruppe gehen und denken „Das ersetzt jetzt meine Therapie“ (auch wenn sie manchmal mehr bewirkt, aber das ist ein anderes Thema).

(Und ja, ich weiß, dass viele Menschen keine Therapie bekommen, weil die Wartelisten absurd lang sind. Das ist ein systemisches Problem. Aber die Lösung ist nicht, Selbsthilfegruppen zu Therapie zu machen, sondern mehr Therapieplätze zu schaffen. Just saying.)


Merkmal 8 – Vielfalt der Menschen, ein gemeinsamer Nenner

Nicht Gleichheit verbindet, sondern ein gemeinsames Thema.

Nicht alle müssen gleich alt, gleich kaputt, gleich stabil sein.

Was zählt: ein gemeinsamer Schmerz oder ein gemeinsames Thema.

  • Alkohol
  • Trauma
  • ADHS
  • Verlust
  • Scham
  • Essstörung
  • Neurodivergenz
  • Co-Abhängigkeit

Oder, in meinen Worten: Der gemeinsame Wunsch, sich nicht mehr allein durchkämpfen zu müssen.

Das ist das einzige, was verbindet. Und das reicht. Du brauchst keine gemeinsame Biografie, keine gemeinsame Bildung, keine gemeinsame Herkunft. Nur diesen einen Nenner: „Ich bin hier, weil ich es alleine nicht mehr schaffe.“


Merkmal 9 – Wiederholbarkeit: Warum gute Selbsthilfegruppen im Rhythmus wirken

Menschen heilen und genesen im Muster. Nicht im Einzel-Event.

Du gehst nicht einmal hin und bist geheilt. Du gehst immer wieder hin, in einem Rhythmus, der für dich funktioniert. Wöchentlich, mehrmals die Woche, monatlich – was auch immer passt.

Aber es ist die Wiederholung, die wirkt. Die Rituale. Die Routine. Die Tatsache, dass du weißt: Mittwoch, 19 Uhr, da ist mein Platz. Da ist mein Raum. Da gehöre ich hin.

Das ist nicht „langweilig“ oder „immer das Gleiche“ – das ist stabilisierend. Gerade für neurodivergente Gehirne, die Struktur nicht selbst herstellen können, ist das Gold wert.

(Und genau das ist auch der Grund, warum ich in meiner Community versuche, wiederkehrende Formate zu etablieren. Weil einmalige Events cool sind, aber Genesung braucht Wiederholung.)


Warnzeichen – Daran erkennst du eine „schlechte“ Selbsthilfegruppe

Nicht jede Gruppe, die sich Selbsthilfe nennt, ist auch eine.

Wenn Geld eine Rolle spielt, wenn dir gesagt wird, wie du zu sein hast, oder wenn jemand implizit oder offen mehr weiß als du, dann lohnt es sich, hellhörig zu werden.
Auch Pflichtteilnahme, missionierender Ton, unterschwellige Schuldzuweisungen oder das Gefühl, ohne diese Gruppe „nicht klarzukommen“, sind keine guten Zeichen.

Eine schlechte Selbsthilfegruppe macht dich kleiner, abhängiger oder unsicherer.
Eine gute Selbsthilfegruppe stärkt deine Autonomie, selbst dann, wenn es unbequem ist.

Nicht jedes Treffen wird super und erfüllend sein, auch in der besten Gruppe nicht. Wenn du aber ständig rausgehst und merkst, es geht dir nur schlechter, dann such dir was anderes.

Und ganz wichtig: Wenn du innerlich merkst, dass etwas nicht stimmig ist, dann nimm dieses Gefühl ernst.


Warum gute Selbsthilfegruppen keine Zufallsprodukte sind

Eine gute Selbsthilfegruppe ist kein Zufallsprodukt. Sie entsteht nicht einfach so, nur weil ein paar Menschen zusammenkommen und über ihre Probleme reden.

Sie braucht:

  • Klare Regeln
  • Bewertungslosigkeit
  • Kostenfreiheit
  • Peer-basierte Kultur
  • Selbsttragende Strukturen
  • Wiederholung

Und vor allem: Menschen, die bereit sind, bei sich zu bleiben – nicht bei anderen.

Ich wünsche mir, dass mehr Menschen verstehen, was Selbsthilfe wirklich ist. Nicht dieser Klischee-Kreis von „Versagern“, sondern ein Raum voller Menschen, die den Mut haben, hinzuschauen und sich nicht alleine durchzukämpfen.

Denn da wird Überlebenskompetenz gebildet, die bisher manchmal noch fehlt.

Abschlusstipp: Gehe mehrmals in verschiedene Gruppen. Auch wenn nicht immer die selben Menschen da sind: jede Gruppe hat irgendwie ihren eigenen Vibe. Es darf dir gefallen! Aber der erste Eindruck kann an manchen Tagen nicht das grundsätzliche Bild widerspiegeln.


Du suchst so einen Raum?

Schau mal bei NAKOS nach Selbsthilfegruppen in deiner Nähe. Oder komm in meine Lost Unicorn Society – ein digitaler Raum nach genau diesen Prinzipien.

Hast du schon mal schlechte Erfahrungen gemacht? Traue dich in den Austausch. Manchmal ist es zu schade, es dabei zu belassen…

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